VBB landen einen Riesentreffer
Bozen, ein höchst angenehmes „Cabaret“
Von Daniela Mimmi
1966 begannen Joe Masteroff, Fred Ebb und Komponist John Kander ihre Arbeit an „I am a camera“ von John van Druten, der sich seinerzeit von Christopher Isherwoods Kurzgeschichte „Goodbye to Berlin“ inspirieren ließ, und schufen eines der vielschichtigsten und faszinierendsten Musicals der Showgeschichte: „Cabaret“. 1972 gewann der Film, mit Liza Minelli als Sally Bowles, sogar 8 Oscars und wurde allgemein als Meisterwerk angesehen. Dennoch verlor das Musical durch die Umsetzung von der Bühne auf die Leinwand viel an Faszination. Genau diese Faszination haben die VBB durch ihre Inszenierung von „Cabaret“ nicht nur erhalten, sondern sogar verstärkt. Mit diesem Musical, das bis zum Ende des Monats im Stadttheater aufgeführt wird, schließen die VBB ihre Spielsaison ab. Eines der meistgelungenen Musicals der Theatermacher, auch wenn das Publikum an den ersten zwei Abenden den Saal nicht zur Gänze füllte. Im Zentrum steht sicherlich der berühmte Kit Kat Club mit seiner rauchigen, dekadenten, zweideutigen, übermäßig entspannten Atmosphäre. Rundherum pulsiert das Leben Berlins, eine Stadt voller Widersprüche, gestern und heute. Sie wurde durch eine Mauer geteilt, trotzdem war und ist sie immer die wahre Kulturhauptstadt Europas (leider auch während der finsteren Nazizeit). In den frühen 30er Jahren, in welchen das Musical spielt, ruhte sich Berlin immer noch auf den Lorbeeren aus. Das Leben verlief hektisch, am Tag aber vor allem bei Nacht, in den berüchtigten Cabarets. Die Berliner waren sich nicht bewusst, oder wurden sich erst zu spät bewusst, dass die größte Katastrophe der Menschheit bald über sie hereinstürzen würde.
Die Inszenierung der VBB hat zahlreiche Vorzüge: Der Kit Kat Club befindet sich nicht auf, sondern vor der Bühne, sodass das Publikum im Geschehen mit einbezogen wird. Die Lieder werden größtenteils auf Englisch gesungen, die Texte sind aber deutsch, was dem Ganzen mehr Glaubwürdigkeit verleiht und das Publikum in seinen Bann zieht. Das Bühnenbild von Manfred Gruber ist gleichzeitig imposant und schrill, aber auch vielseitig. Das Orchester unter der Leitung von Stephen Lloyd befindet sich nicht im Orchestergraben, sondern auf der Bühne. Last but not least die erstklassige Besetzung. Besonders im Auge behalten sollte man Tomas Tomke, einen jungen, emporkommenden Schauspieler mit überwältigendem Talent in der Rolle des Conferencier, und die ebenso junge Franziska Lessing als Sally Bowles. Man darf nicht die Vorzüge des Musicals vergessen: eingängige Melodien, die inzwischen zu Klassikern geworden sind, aber auch viel Schauspiel, sodass es beinahe zum Musiktheater wird. Eine packende und dramatische Geschichte vor dem Hintergrund des aufkommenden Naziregimes. Davon spürt man aber im der rauchigen und gedämpften Atmosphäre des Kit Kat Clubs wenig. Nur ein Stein, der das Schaufenster des jüdischen Obstverkäufers Schultz einschlägt, erinnert daran; einige Hakenkreuze auf ein paar Jacken, oder ein fahrender Zug. Aber im Kit Kat Club geht das Leben weiter – wie immer.


