Vereinigte Bühnen Bozen
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GESCHICHTE DER VBB


DIE VEREINIGTEN BÜHNEN BOZEN

Von Kathrin Gschleier

Gründung einer neuen Theatergemeinschaft
Um sich einen Eindruck über die Vereinigten Bühnen Bozen zu verschaffen, ist es notwendig, einen Blick zurück auf deren Anfänge zu werfen. Im Jänner 1992 schließen sich die vier Bozner Theatervereine „Südtiroler Ensembletheater“, „Initiative“ „Kleinkunstbühne“ und „Bozner Talferbühne“ als „Vereinigte Bühnen Bozen“ zusammen. Ziel dieser neuen Gemeinschaft ist es, die räumlichen, technischen und finanziellen Ressourcen der Stadt effizienter zu nutzen und die gemeinsame theaterpolitische Vision eines deutschsprachigen Berfustheaters wirksamer zu vertreten. Als Räumlichkeiten stehen den neu gegründeten Vereinigten Bühnen Bozen (VBB) ab 1992 Verwaltungsräume in der Sparkassenstraße, sowie zwei Probelokale und ein Fundus an technischen Geräten, Requisiten und Kostümen zur Verfügung. Es fehlt jedoch eine feste Theaterstätte, weshalb die drei bis vier Produktionen im Jahr verteilt auf die zur Verfügung stehenden Theaterräume stattfinden. Die Stadt Bozen ihrerseits setzt ein klares positives Zeichen zugunsten diese neue Initiative, indem sie Förderer- und Vorstandsmitglied der Vereinigten Bühnen Bozen und damit erstmals Mitglied in einem deutschsprachigen Theaterverein wird.

Weichen für einen professionellen Theaterbetrieb
Voraussetzungen für einen professionellen deutschsprachigen Theaterbetrieb sind eine professionelle Mitarbeiter- und Führungsstruktur, sowie ein einheitlicher Spielplan. Für diese herausfordernde Aufgabe bestellen die Vereinigten Bühnen 1996, unter der Präsidentschaft von Waltraud Staudacher, den Kärntner Alfred Meschnigg als externen künstlerischen Berater. Meschnigg gestaltet in den folgenden zwei Spielzeiten einen einheitlichen Spielplan von jährlich sieben Produktionen, gibt ein monatliches Informationsblatt heraus, schafft Kooperationen mit anderen Theatergruppen im Lande und stellt sechs bis sieben fest angestellte Mitarbeiter ein. Mit der Ernennung Georg Mittendreins im Jahre 1998 zum künstlerischen Direktor wird ein weiterer entscheidender Schritt in Richtung Berufstheater gesetzt: In der „Baracke am Bahnhof“, einer provisorischen Spielstätte mit viel Charme und wenig Komfort, , setzt Mittendrein erstmals für die Spielzeit 1998/1999 auf einen Spielbetrieb mit regelmäßigen wöchentlichen Spieltagen und zehn fest angestellten Mitarbeitern, einem „Rumpfensemble“ von vier festen Schauspielern und einem beachtlichen Programm von neun Eigenproduktionen und zahlreichen Gastspielen. Seine künstlerischen Erfolge mit dem Musical „Nonnsense“, Büchners „Woyzeck“, oder der Wirtshausoper „Heimatlos“ sind vielen ZuschauerInnen noch in Erinnerung.

Einzug ins Neue Stadttheater Bozen
Im September 1999 wird das Neue Stadttheater feierlich eröffnet. Den Vereinigten Bühnen Bozen wird im neuen Haus, neben dem italienischen Teatro Stabile, eine feste Spielstätte und Verwaltungsräume eingeräumt. So weihen die VBB ihre neue Spielstätte im Oktober 1999 mit gleich zwei Premieren ein: das große Shakespearesche Liebesdrama „Romeo und Julia“ spielt im Großen Haus und das Südtiroler Gegenwartsdrama von Herbert Rosendorfer „Oh Tyrol oder Der letzte Stylit auf der Säule“ läuft im Studiotheater.
Es folgen in dieser ersten Spielzeit sechs weitere Eigenproduktionen auf der Großen Bühne und der Studiobühne, was in der neuen Theaterstätte eine große organisatorische und künstlerische Herausforderung für die Vereinigten Bühnen Bozen darstellt. Das neue professionelle Theater erfordert professionelle Abläufe, einen kontinuierlichen anspruchsvollen Spielplan, die Akzeptanz in der Südtiroler Gesellschaft, die Akquise zusätzlicher finanzieller Mittel und die Suche nach einer soliden Führungsstruktur, die alle diese Aufgaben bewältigen soll. Im Januar 2000 wird dafür Emmanuel Bohn als neuer künstlerischer Direktor eingestellt, er plant und gestaltet die Spielzeit 2000/2001 und löst Georg Mittendrein ab,der den Einzug der VBB in das Neue Stadttheater nicht begleiten wollte.

Intendantenwechsel und Neubeginn mit Thomas Seeber
Die zwei von Emmanuel Bohn gestalteten Spielzeiten brachten den VBB nicht die Akzeptanz des Bozner Publikums, weshalb ihm Thomas Seeber, amtierender Präsident des Vereins, 2001 als künstlerischer Leiter der Vereinigten Bühnen Bozen folgt. Seeber überrascht mit einem geglückten Neubeginn. Die bereits mit dem Einzug ins Stadttheater gesetzten Ziele, nämlich der strukturellen Ausbau eines professionellen Theaterbetriebs und ein in Südtirol, für Südtirol produzierendes Theater zu sein, werden eingelöst: Thomas Seeber setzt mit jährlich mindestens sechs Eigenproduktionen auf Kontinuität. Daneben bindet er die Vereinigten Bühnen Bozen durch jährliche Kooperationen mit dem Schauspielhaus Salzburg, dem Stadttheater Bruneck, dem Theater in der Altstadt, dem Teatro Stabile di Bolzano und der Stiftung Stadttheater Bozen in die bestehende Theaterlandschaft ein und beschäftigt vor und hinter den Kulissen eine Vielzahl an Südtiroler Künstlerinnen und Künstler. Erwähnenswert in Seebers Anfangsjahren als Intendant sind sicherlich „In der Löwengrube“ von Felix Mitterer in seiner ersten Spielzeit, das Kindermusical „Der Zauberer von Oz“ von Lyman Frank Baum 2002, sowie die Uraufführungen „Die Störung“ von Margareth Obexer 2003 und „Die Wette/La scomessa“ von Ferruccio Cainero 2004. Letztere ist die erste zweisprachige und äußerst erfolgreiche Koproduktion mit einem italienischen Partner im Haus, dem Teatro Stabile di Bolzano. Es folgt in der Saison 2005 eine weitere zweisprachige Produktion „Wunschkonzert / Gassosa“ von Roberto Cavosi / Franz Xaver Kroetz.

Erfolge als öffentlich-rechtliches Theater
Für eine finanzielle und rechtliche Absicherung der neuen Theaterbühne durch Stadt und Land, werden 2003 unter der Intendanz von Thomas Seeber die neuen Statuten genehmigt, die aus dem Verein ein öffentlich-rechtliches Theaters machen. Die Einzelbühnen werden zugunsten der gemeinschaftlichen Institution Vereinigten Bühnen Bozen endgültig aufgelöst und neben den Vertretern der Stadt werden nun auch Vertreter der Landesregierung im Vorstand eingebunden. Nicht nur die Politik, sondern auch das Publikum steht dem künstlerischen Programm der Vereinigten Bühnen Bozen wohlwollend gegenüber: In der Spielzeit 2002/03 sehen 18.381 ZuschauerInnen die sieben Eigenproduktionen in 76 Vorstellungstagen. Die Besucherzahlen steigen jährlich an, in der Spielzeit 2005/06 sind es bereits 32.000 BesucherInnen. Künstlerisch herausfordernd sind sicherlich Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“ 2003 und Shakespeares „König Lear“ 2004, sowie die Uraufführungen „Ex“ von Selma Mahlknecht 2004 und „Fleisch“ von Felix Mitterer 2005. Ein ungehaltener Publikumsrenner sind die jährlichen im Mai stattfindenden Musicalproduktionen, von „Kiss me Kate“ über „Evita“, „Jesus Christ Superstar“ oder „West Side Story“ hin zu „Jekyll & Hyde“, „Into the Woods“ und „Cabaret“. Damit kommen die Vereinigten Bühnen Bozen einerseits ihrem Bildungsauftrag mit anspruchsvollen Theaterstücken nach, werden dem Publikum aber auch mit unterhaltsamen und musikalischen Stücken gerecht.

Erweiterung der Spielstätten auf Südtirols Theater
Im Spätherbst 2005 starten die VBB ihre erste Südtiroltournee, um dem Wunsch der institutionellen Geldgeber nach einer Bespielung der wichtigsten Theatersäle des Landes in Meran, Brixen, Bruneck und Schlanders Rechnung zu tragen. „Der Messias“ von Patrick Barlow ist so im Stadttheater Meran, im Forum Brixen, im Stadttheater Bruneck und im Kulturhaus Schlanders zu sehen, das Jahr darauf die Familienstücke „Wie Kater Zorbas der kleinen Möwe das Fliegen beibrachte“ nach Luis Sépulveda und „In 80 Tagen um die Welt“ nach Jules Verne. Die Komödie „Bildung für Rita“ hingegen wird im Auditorium Roen erfolgreiche gespielt und das Jugendstück „Die fetten Jahre sind vorbei“ von Hans Weingartner begeistert im Grieser Stadttheater sein Publikum.

Das Theater als gesellschaftlicher Ort der Begegnung
Geht es in den ersten Jahren der Intendanz Seebers noch primär um die Akzeptanz und Verankerung in der Gesellschaft, so wird auch zunehmend der Dialog mit dem Publikum intensiviert: das 2001 von der Dramaturgin Kathrin Gschleier konzipierte Programm an Lehrerfortbildungen und Stückeinführungen wird kontinuierlich um Workshops, Diskussionen, Lesungen, Ausstellungen, Autorentreffen und spartenübergreifenden Kulturveranstaltungen wie die „Culturnacht“ erweitert.
Mit ihren Stücken greifen die Vereinigten Bühnen Bozen aktuelle gesellschaftliche Themen des Landes auf, um wichtige gesellschaftspolitische und künstlerische Impulse zu geben. Das sind 2006 die modernen Klassiker „Tod eines Handlungsreisenden“ von Arthur Miller und „Glaube Liebe Hoffnung“ von Ödon von Horváth die menschlichen Schicksale von Sucht und sozialem Abstieg, 2007 „Die Welle“ von Reinhold Tritt und „Alices Reise in die Schweiz“ von Lukas Bärfuss die Geschichten um Nationalsozialismus und Sterbehilfe mit besonders evidenter Aktualität, 2007/08 die Stücke um Einsamkeit und Beziehungskälte in „Der einsame Weg“ von Arthur Schnitzler und „Spielweise, zwei im Quadrat“ von Sergi Belbel und 2008/09 die Klassiker um Macht und Ohnmacht, „Maria Stuart“ von Friedrich Schiller und „Liebe Jelena“ von Ljudmila Rasumowskaja.

Die VBB heute und der Blick in die Zukunft
2007 feierten die Vereinigten Bühnen Bozen ihr 15jähriges Bestehen mit einem kurzen Rückblick. Doch mehr noch als einen Blick zurück, werfen die Vereinigten Bühnen Bozen ihren Blick nach vorne, um mit einem motivierten Team von .... MitarbeiterInnen in Verwaltung, Öffentlichkeits- und Vermittlungsarbeit, Service, Bühne und Technik, sowie eine Vielzahl an kreativen KünstlerInnen aus dem In- und Ausland Abend für Abend den Vorhang für einen vielseitigen und anspruchsvollen Spielplan zu öffnen. Damit werden die Vereinigten Bühnen ihrer Aufgabe als wichtiger Kommunikation- und Kulturträger des Landes gerecht und dem Land und seinem theaterbegeisterten Publikum ein für Südtirol und in Südtirol produzierendes regionales Theater zu sein.

versione italiana


Einen umfassenden Einblick in die Entwicklung der VBB im Kontext der Südtiroler Theatergeschichte gewährt die Diplomarbeit "Die Vereinigten Bühnen Bozen. Entwicklung eines deutschsprachigen professionellen Theaterbetriebes aus dem Südtiroler Amateurtheater" von Katrin Parigger (November 2007). Interessierte können unter info@theater-bozen.it eine kostenlose PDF-Version der Arbeit anfordern.