Ferdinand Schmalz im Interview

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Unser Jänner-Stück "der thermale widerstand“ stammt aus der Feder des 31-jährigen Shootings-Stars der Literatur, Ferdinand Schmalz. Im Interview für das Schauspielhaus Zürich spricht er über die Wohlfühlblase Europas, Parallelgesellschaften und wie schnell verdrängte Ängste zu Paranoia führen können.
Barbara Falter Deine Stücke sind immer sehr geprägt von den Räumen und der Umgebung, in welcher du die Handlung ansiedelst. In „der thermale widerstand“ treffen die Figuren in einem Kurbad aufeinander.

Ferdinand Schmalz Die Grundidee war, sich mit der Wohlfühlblase zu beschäftigen, dieser Komfortzone, in der wir heutzutage leben. Wir haben es uns behaglich eingerichtet hier im Zentrum von Europa. Wagt man den Blick darüber hinaus, wird einem erst das ganze Ausmaß dieser Blase bewusst. In letzter Zeit hat diese Blase Risse bekommen, die unsere Illusion von Geschlossenheit gefährden. Gerade da ist das Theater gefragt, weil es auch so eine Blase ist, die im besten Fall andauernd reißt oder besser platzt und damit Ängste vor einer Offenheit nimmt.

Ich hatte den Eindruck, dass du mit dem Kurbad, dem Kurpersonal und den Kurgästen eine Parallelgesellschaft zeichnest. Kann das Thermalbad auch als ein Mikrokosmos verstanden werden, in dem eine Außenwelt gespiegelt stattfindet?
Heutzutage gibt es nur noch wenige Räume, die wirklich für sich stehen, Räume der Gemeinschaft, wie das Theater einer ist, ein Versammlungsraum, in dem man sich uneingeschränkt und abseits der Konsumwelt aufhalten kann. Wo früher ein feinästeliges soziales Netzwerk wucherte, finden sich heute Durchzugsräume, an denen man sich nur aufhalten darf, solange man konsumiert. Mich interessieren Räume, die, obwohl sie real sind, etwas Fantastisches haben, Orte, an denen man das Gefühl hat, die Zeit fließt anders. Eine lebendige Gesellschaft braucht Räume, in denen man sich der Muße hingeben kann, in denen man sich zweckungebunden aufhalten kann, in denen man neu denken kann. Gerade diese Räume sind heutzutage am härtesten umkämpft.

In deinem Stück gibt es auch eine Gruppe von Kurgästen. Ihre Ängste und Projektionen auf die Welt außerhalb und die damit einhergehende Sehnsucht nach Isolation und Abschottung spiegeln eine Entwicklung innerhalb der europäischen Gesellschaften wider.
Das Problem mit Ängsten ist: wenn man sich ihnen nicht stellt, werden sie diffus. Sich ihnen stellen, heißt Handlungen setzen, die etwas an der Grundsituation ändern. Also Strategien entwickeln, um mit der Angst umzugehen. Wenn man die Ängste dagegen verdrängt, kreiert das ein Level von vager Anspannung. Man weiß nicht mehr, woher die Angst genau kommt. Das macht alles nur schlimmer, man wird immer irrationaler und entwickelt Paranoia. Das kann man leider im Moment auf kollektiver Ebene recht gut beobachten.