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19.04.2018

4 Fragen an
Regisseur Chris Mair

Der Südtiroler Regisseur Christian Mair im Gespräch über seine Inszenierung "Made in Südtirol. Meine Kindheit", die am 27. April 2018 an den Vereinigten Bühnen Bozen Premiere feiern wird.

 

VBB: Christian Mair, Ihre 100ste Inszenierung steht an: „Made in Südtirol. Meine Kindheit“. Ein besonderes Projekt, das besondere Menschen auf die Bühne bringt. Wie haben Sie die einzelnen Geschichten aus den Menschen "herauskitzeln" können?

Chris Mair: Mit meiner Dramaturgin Elisabeth Thaler zusammen haben wir aus dem autobiographischen Werk von Claus Gatterer „Schöne Welt, böse Leut“ Themen genommen, die für unser Projekt auch interessant sein konnten, wie z.B. Schule, Kirche, Familie, Spiele und Kontakt zur anderen Sprache. In kleineren Gruppen aufgeteilt, haben wir uns dann mit den Teilnehmern getroffen und am Tisch darüber gesprochen. Der Rest kam automatisch. Die Teilnehmer*innen haben angefangen zu erzählen und einer Erinnerung folgte die andere. Am Ende dieser “Erzählrunden“ hatten wir über 16 Stunden Material...
 
VBB: Die 17 Darsteller*innen sind jung und alt, deutschsprachig und italienischsprachig, aus verschiedenen Orten Südtirols: wie ist der Draht untereinander?

Chris Mair: Der Draht ist Südtirol mit seiner Kultur und Tradition. Das einzige, was alle gemeinsam haben ist, dass sie hier aufgewachsen sind und zwar (in unserem Fall) zwischen Ende der 1940er und Anfang des neuen Jahrtausends, vom Vinschgau bis ins Pustertal. Das ist aber gut, denn so entwickelt sich ein vielfältiger Abend. Es sollte ein „Draht“ zum Publikum entstehen, das vielleicht dann die eigene Kindheit wiederentdeckt.
 
VBB: Jede und jeder hat eine ganz besondere Geschichte, die in die eigene Kindheit führt, aber auch ein Teil Südtiroler Geschichte erzählt. In welcher Geschichte haben Sie sich wiedererkannt?

Chris Mair: Ich bin in den 1980er Jahren in Bozen im italienischen Viertel aufgewachsen. Folglich habe ich mehrere Kontaktpunkte mit den Erzählungen der „Stadtler“. Die Sonntagsausflüge zur Talferpromenade zu Pippo, dem Bär, aber auch den Kampf, den ich selbst als Kind hatte, um weder als „Crucco“ noch als „Walscher“ abgestempelt zu werden.

VBB: Wer über die Kindheit spricht, wird auch schnell nostalgisch. Erzählt dieses Stück die Sehnsucht nach der guten, alten Zeit oder gibt es auch Erinnerungen, die schmerzhaft waren/sind?

Chris Mair: Mein Ziel war es immer nicht nostalgisch bzw. traurig zu werden. Es soll eine Leichtigkeit und Erzähllust vermittelt werden. Natürlich gibt es unter den Geschichten auch einige die schmerzhaft sind, das gehört auch zur Kindheit dazu, aber die meisten Geschichten erzählen schöne, glückliche, lustige oder auch poetische und berührende Momente. Es sind die Erzählungen der einzelnen Teilnehmer*innen und ich denke, dass jemand, der den Mut hat seine persönlichen Erinnerungen auf der Bühne zu präsentieren, das nicht macht um einen Schmerz zu überwinden, sondern weil er/sie in der Kindheit wichtige Ereignisse erlebt hat, die prägend waren.

 

Christian Mair absolvierte seine Ausbildung am Stadttheater Bruneck, anschließend bekam der Südtiroler Regisseur ein Stipendium für das Nationaltheater Mannheim und das Staatstheater Stuttgart. Es folgen Inszenierungen in Österreich, Deutschland, Polen, Bosnien und in Südtirol. An den Vereinigten Bühnen Bozen inszenierte er die Produktion des Jugendtheaterclubs „Punk Rock“ und die Komödie „Glorious!“ und richtete die szenischen Lesungen für die „Bozner Autorentage“ 2015 und 2017 aus. Zuletzt inszenierte er mit dem VBB-Jugendtheaterclub das Stück „Ghetto Deluxe – Project BZ“ und war Produktionsleiter bei „Wir. Heute! Morgen! Europa. Minderheiten und Autonomien im europäischen Kontext“.