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Vereinigte Bühnen Bozen

Das deutschsprachige Berufstheater in Bozen, die Vereinigten Bühnen Bozen (kurz VBB), sind der größte deutsche Sprechtheaterbetrieb im Stadttheater Bozen und damit das Pendant zum italienischen Teatro Stabile di Bolzano. Mit Eigenproduktionen der Sparten Sprech- und Musiktheater spielen die VBB en-suite etwa 120 Vorstellungen pro Spielzeit. Mit wechselnden Produktionsensembles bespielen die Vereinigten Bühnen Bozen das Große Haus und die Studiobühne des Stadttheaters Bozen. Die Vereinigten Bühnen Bozen sind ein rechtlich anerkannter Verein und werden vom Land Südtirol und der Stadtgemeinde Bozen subventioniert. Intendantin ist seit 1. August 2012 Irene Girkinger.

Geschichte

Gründung der Vereinigten Bühnen Bozen
Die sonst eher individuell agierenden Bozner Theatermacher erkannten die Notwendigkeit, sich zu einer „Interessensgemeinschaft“ zusammenzuschließen, um räumliche, technische und finanzielle Ressourcen effektiver zu nutzen und die gemeinsame theaterpolitische Vision eines deutschsprachigen Berufstheaters wirksamer zu vertreten.
Im Februar 1992 schlossen sich vier Bozner Theatervereine – „Südtiroler Ensembletheater“ (Erich Innerebner), „Initiative“ (Waltraud Staudacher), „Kleinkunstbühne“ (Manfred Schweigkofler) und „Talferbühne Bozen“ (Johann Winkler) – zu den „Vereinigten Bühnen Bozen“ (kurz VBB) zusammen. Die Stadt Bozen ihrerseits setzte ein klar positives Zeichen zugunsten dieser neuen Initiative, indem sie (auf Betreiben der theaterengagierten Stadträtin Inge Bauer-Polo) Gründungs-, Förderer- und Vorstandsmitglied der Vereinigten Bühnen Bozen und damit erstmals Mitglied in einem deutschsprachigen Theaterverein wurde. Den neugegründeten VBB standen ein fester Sitz mit Verwaltungsräumen in der Sparkassenstraße und eine hauptamtlich tätige Bürokraft, sowie zwei Probelokale und ein Fundus an technischen Geräten, Requisiten und Kostümen zur Verfügung. Es fehlte jedoch eine feste Theaterstätte, weshalb sich die Aufführungen der drei bis vier Produktionen pro Jahr auf die zur Verfügung stehenden Theaterräume der Stadt Bozen verteilten. Die Erstellung eines inhaltlich und konzeptionell einheitlichen Spielplans gestaltete sich jedoch schwierig, da jeder der vier Vereine in der Wahl der Stücke weiterhin unabhängig vom Interessenverband Vereinigte Bühnen Bozen agierte.
1995 erfolgte eine erste Umbildung des Vereins, denn die Voraussetzungen für einen professionellen deutschsprachigen Theaterbetrieb waren eine geregelte Mitarbeiter- und Führungsstruktur, sowie ein einheitlicher Spielplan.

Einzug ins Neue Stadttheater Bozen
Im September 1999 wurde das Neue Stadttheater feierlich eröffnet. Die Vereinigten Bühnen Bozen bezogen, neben dem italienischen Teatro Stabile, Verwaltungsräume im neuen Haus. Die VBB weihten ihre neue feste Spielstätte im Oktober 1999 mit gleich zwei Premieren ein: zur Eröffnung ihrer Theatersaison spielte das große Shakespeare’schen Liebesdrama „Romeo und Julia“ im Großen Haus und das Südtiroler Gegenwartsdrama von Herbert Rosendorfer „Oh Tyrol oder Der letzte Stylit auf der Säule“ im Studiotheater des Neuen Stadttheaters.
Es folgten in dieser Spielzeit weitere sechs Eigenproduktionen auf der Großen Bühne und der Studiobühne, was in der neuen Theaterstätte eine große organisatorische und künstlerische Herausforderung darstellte. Die erste Zeit im Neuen Stadttheater war für die Vereinigten Bühnen Bozen äußerst turbulent: das neue Theater erforderte gut funktionierende Abläufe, einen professionellen Mitarbeiterstab, einen kontinuierlichen Spielplan, die Akquise entsprechender finanzieller Mittel, die Akzeptanz in der Südtiroler Gesellschaft und die Suche nach einer soliden Führungsstruktur, die alle diese Aufgaben bewältigen sollte.

Intendantenwechsel und Neubeginn
Thomas Seeber, amtierender Präsident des Vereins, übernahm auf Wunsch des Vorstandes im Juli 2001 kurzfristig die Führung der Belegschaft und die künstlerische Gestaltung des Spielplans 2001/02. Was die lokalen Medien bereits als Untergang ankündigten, gestaltete sich als geglückter Neubeginn.
Die bereits mit dem Einzug ins Stadttheater inhaltlich gesetzten Ziele, nämlich der strukturelle Ausbau eines professionellen Theaterbetriebs und ein in Südtirol, für Südtirol und mit Südtirol produzierendes Theater zu sein, wurden eingelöst. Thomas Seeber setzte auf Kontinuität: jährlich fanden mindestens sechs Eigenproduktionen statt, davon zwei im Großen Haus und vier im Studiotheater. Er reduzierte die Vorstellungen von 81 (im Jahre 1999/2000) auf 57 Vorstellungen im Jahr 2001/02. Trotzdem gelang es ihm, die Zuschauerzahlen zu erhöhen.
Auch strukturell wurden neue Akzente gesetzt: Seeber versuchte die VBB durch jährliche Kooperationen mit verschiedenen Partnern im In- und Ausland mehr in die bestehende Theaterlandschaft einzubinden und beschäftigte vor und hinter den Kulissen eine Vielzahl an Südtiroler Künstlerinnen und Künstler.
Für zwei der sechs Produktionen von 2001/02 gewann er das Schauspielhaus Salzburg und das Stadttheater Bruneck als Kooperationspartner. In der Spielzeit 2003/04 kooperierten die Vereinigten Bühnen Bozen nicht nur mit einem der lokalen Städtetheater (dem Meraner Theater in der Altstadt), sondern auch mit den Partnern im eigenen Haus: Die Uraufführung von „Die Wette / La Scommessa“, die erste zweisprachige und äußerst erfolgreiche Koproduktion mit dem italienischsprachigen Teatro Stabile di Bolzano, sowie Shakespeares „Hamletas“ mit Teatro Stabile di Bolzano und der Stiftung Stadttheater. Dadurch fanden ein Anschluss an die lokale Theaterszene und eine Öffnung über die Grenzen Südtirols hinaus statt. Die Zusammenarbeit hatte auch praktische Vorteile: Kosten wurden gespart und die jeweilige Produktion einem breiteren Publikum zugänglich gemacht.
Ein ungehaltener Publikumsrenner waren die jährlichen im Mai stattfindenden Musicalproduktionen, von „Kiss me Kate“ über „Evita“, „Jesus Christ Superstar“ oder „West Side Story“ hin zu „Jekyll & Hyde“, „Into the Woods“ und „Cabaret“. Damit kamen die Vereinigten Bühnen Bozen einerseits ihrem Bildungsauftrag mit anspruchsvollen Theaterstücken nach, wurden dem Publikum aber auch mit unterhaltsamen und musikalischen Stücken gerecht.
Für eine finanzielle und rechtliche Absicherung der neuen Theaterbühne durch Stadt und Land wurde die Umstrukturierung der VBB weiter vorangetrieben. 2003 die neuen Statuten genehmigt, die dem Verein die Funktion eines öffentlich-rechtlichen Theaters zusprechen. Die ursprünglichen Einzelbühnen wurden zugunsten der gemeinschaftlichen Institution und des einheitlichen Theaterbetriebs Vereinigte Bühnen Bozen endgültig aufgelöst. Neben den Vertretern der Stadt waren nun auch Vertreter der Landesregierung (zu dieser Zeit Ressortdirektorin der Kulturabteilung Berta Linter) im Vorstand eingebunden.
In den ersten Jahren der Intendanz Seebers ging es noch primär um die Akzeptanz und Verankerung in der Gesellschaft, jedoch wurde nun zunehmend der Dialog mit dem Publikum intensiviert: das 2001 von der Dramaturgin Kathrin Gschleier konzipierte Programm an Lehrerfortbildungen und Stückeinführungen wurde kontinuierlich um Workshops, Diskussionen, Lesungen, Ausstellungen, Autorentreffen und spartenübergreifenden Kulturveranstaltungen wie die „Cult.urnacht“ erweitert. Auch mit ihren Stücken griffen die Vereinigten Bühnen Bozen aktuelle gesellschaftliche Themen des Landes auf, um wichtige gesellschaftspolitische und künstlerische Impulse zu geben.

2012: Neustart bei den VBB
2012 feierten die Vereinigten Bühnen Bozen ihr 20jähriges Bestehen mit einem Festakt und kurzem Rückblick. Doch mehr noch als einen Blick zurück, werfen die Vereinigten Bühnen Bozen ihren Blick nach vorne. Thomas Seeber verabschiedete sich mit der Spielzeit 2011/12 als Intendant, bleibt den VBB jedoch als Präsident weiterhin erhalten.
Am 1. August 2012 übernahm Irene Girkinger die Intendanz der VBB. Mit dem Führungswechsel wurde das Profil des größten eigenproduzierenden Theaterbetriebs Südtirols erneut geschärft. Nun wird in der Theaterarbeit verstärkt das Heute ins Zentrum gestellt. Der Fokus liegt auf gesellschaftspolitischen Themen – auf dem Spielplan stehen nun immer wieder Momente der kritischen Auseinandersetzung mit der Geschichte und der Gegenwart. Für die Ausrichtung der Zeitgenossenschaft mitverantwortlich ist mitunter der Hintergrund der jungen Theatermacherin. Zehn Jahre war sie vor ihrer Arbeit bei den VBB in Linz, Salzburg und Wien als Dramaturgin und Produktionsleiterin tätig.
Seit der Saison 2012/13 werden vermehrt junge Talente gefördert – beispielsweise durch die Förderung Südtiroler Autoren/Autorinnen, die Weiterführung des Jugendtheaterclubs und der Zusammenarbeit mit der Theaterschule Bruneck. Zudem werden einheimische Künstler/-innen mit neuen Kräften von außen zusammengebracht – durch Gestaltung der Spielzeitsujets und durch Weiterführung der „Cult.urnacht“ – sowie die Vernetzung mit anderen regionalen und überregionalen Kulturinitiativen und Theater verstärkt und der lokale Bezug der Theaterarbeit ausgebaut.
Die VBB sind stark darum bemüht, einen ansprechenden Mix aus Klassikern, zeitgenössischen Stücken, Musiktheater und genreübergreifenden Produktionen zu zeigen. Die VBB wollen gesellschaftspolitische Diskurse anregen, ein Ort sozialer Aufmerksamkeit und ein Treffpunkt für die Zeitgenossenschaft sein.

Auftrag

Mitarbeiter & Ensemble
Das VBB-Team besteht aus 25 festen und freien Mitarbeiter/-innen in Verwaltung, Öffentlichkeits- und Vermittlungsarbeit, Service, Bühne und Technik. Die VBB beschäftigen kein festes Ensemble.

Philosophie
Begleitend zu den laufenden Produktionen bieten die Vereinigten Bühnen Bozen oft Konzerte, Infoabende, Gespräche mit Experten oder Filme und Ausstellungen an – meist in Zusammenarbeit mit anderen lokalen Institutionen.
Durch die Vereinigung von Kunst und Kultur, sowie der Zusammenarbeit mit lokalen und ausländischen Organisationen und Künstlern, werden die Vereinigten Bühnen ihrer Aufgabe als wichtiger Kommunikation- und Kulturträger des Landes gerecht und können dem Land und seinem theaterbegeisterten Publikum ein für Südtirol und in Südtirol produzierendes regionales Theater sein.